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  • Sarah Blum

Reiten in Island

Aktualisiert: 1. Sept. 2023

Reiten in Island mit Eldhestar, Montag, 29.8.2022, 9 Uhr Ortszeit, 8 Grad Celsius.


Foto: privat. vielen Dank an meine island Bekanntschaft

Der Kleinbus fährt in einer kleinen Staubwolke auf den Hof, an einem Paddock mit schätzungsweise 20 Islandpferden darin vorbei. Weitere 16 stehen bereits angebunden davor. In allen Farben und Größen. Schecken, Braune, Schimmel, Rappen, Mausfalben, Sandfarbene, Isabell, Füchse mit und ohne Abzeichen, windfarben, also helle Mähne, dunkler Körper. Und in zig weiteren Farben, deren Namen ich gar nicht weiss. Mein Bauch kribbelt vor Vorfreude und ich frage mich, welches davon ich heute werde reiten dürfen. Eins von 36 auf jedenfall. Eine Mitarbeiterin von Eldhestar, dem Hof, auf dem wir uns jetzt befinden, geht eine Namensliste durch und teilt uns ihren Kolleginnen und Kollegen zu. Je nach Tour. Ich werde mit ihr, Rachel, ausreiten. Die Elfen-Tour. Je nach Können und Lust hat Eldhestar, was soviel wie “Vulkanpferde” bedeutet, verschiedene Touren, von 2.5 Stunden über Tagestouren bis hin zu Mehrtagestouren. Je nach Anbieter kann das auch variieren.

Wer will, darf sich aus der Sattelkammer Ölmäntel und Regenhosen leihen. Das isländische Wetter ist wechselhaft und launisch. “Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte 5 Minuten”, sagt man hier. Also schlüpfe ich auch in meine mitgebrachte Regenhose, bevor ich mir einen passenden Helm vom Regal suche und den Sitz von Rachel überprüfen lasse. Der Weg führt mich durch eine Stallgasse mit etwa 10 Boxen auf beiden Seiten und eine lange Reithalle. Im Sand finden sich keine Hindernisse, sondern nur ein sogenanntes Soundboard, ein Holzbrett mit dem der Takt des Tölts überprüft werden kann. Rechts eine riesige Tribüne und ein Tor, was nach draussen führt. Alles in allem macht der Hof einen sehr gepflegten Eindruck auf mich, auch die Pferde wirken allesamt fit und kerngesund. Kein Wunder, schliesslich verbringen sie den Sommer im Hochland, frei und unbehelligt, und bauen dort Muskeln und Trittsicherheit auf. Erst im Herbst werden alle Pferde aus dem Hochland zusammengetrieben, abgesehen von denen, die für den Touristenbetrieb auf dem Hof bleiben. Vor der Halle werden wir nochmals eingeteilt; nach Reiterfahrung und Tagesform. Ich stelle mich zu denen, die weniger als 20 Reitstunden bestritten haben.


Foto: Privat

Ich habe zwar in den 15 Jahren, die ich jetzt im Sattel sitze, deutlich mehr hinter mir, brauche aber nach einem heftigen Sturz vom Pferd wieder etwas Selbstvertrauen. In mich und in Pferde an sich. Zudem sind mir Pferde, die man mehr treiben als zurückhalten muss, lieber. Nach einer allgemeinen Instruktion durch eine weitere Mitarbeiterin, die allen, egal ob Profi oder Anfänger, zeigt, wie man ein Pferd führt, anhält, sattelt und auf- und absteigt, werden die Pferde verteilt und isländische Namen dringen an meine Ohren. Jeder davon hat eine Bedeutung, je nach Charakter des Pferdes. Aegir, nach dem Gott des Meeres, ein Mausfalbe, geht an eine resolut wirkende Dame, Skuggi, der Schatten, für ein dunkles Pferd, das eine hochgewachsene Frau neben mir bekommt. Freya, eine kleine Schimmelstute, für ein junges Mädchen. Ein Brauner mit Stern, Stjarni, geht an einen jungen Typ, dem bereits an der Nasenspitze anzusehen ist, dass er noch nie ein Pferd angefasst hat. Dann kommt Rachel mit einer kleinen, braunen Stute auf mich zu und drückt mir die Zügel in die Hand.

“Das ist Ella”.

Automatisch fange ich an zu grinsen, sowohl wegen des völlig banal klingenden Namens, als auch, weil er einfach zu diesem süßen Pferdchen vor mir passt. “Hi!” begrüsse ich Ella, die freundlich und neugierig meinen Ärmel beschnuppert. Sanft blase ich ihr in die Nüstern. Sie prustet sanft zurück.

Dann folge ich den anderen auf den Sandplatz. Die Fortgeschrittenen dürfen bereits die Steigbügel einstellen, dann sollen wir warten, bis Jemand uns gegen hält. Ich warte damit, weil ich sie von oben sowieso wieder werde einstellen müssen. Also kraule ich Ella den warmen Hals, bis eine von Rachels Kolleginnen mir den Gurt nachzieht und den anderen Bügel festhält.

“Du siehst aus, wie Jemand, der auf dem Pferderücken zuhause ist, kann das sein?” sagt Rachel, als ich mich routiniert auf den Pferderücken schwinge.

Sie sieht zu mir hoch, und ich grinse. “Äh…ja.” sage ich, während sie die Bügellänge so einstellt, damit ich im Tölt nicht bei jedem Schritt aus dem Sattel katapultiert werde.

“Dann reite sie mal etwas warm, bis die anderen fertig sind. Lern‘ sie kennen”.

Ich nicke, teile ihr noch kurz mit, dass ich vor Kurzem runtergefallen bin, und mir etwas Sorgen um die Geschwindigkeit beim Tölt mache. Sie nickt verständnisvoll. “Keine Sorge. Wir reiten in etwa schnellen Schritt, vom Tempo her. Und ich kann gern neben dir bleiben und dich anleiten, falls was ist.”

Nickend nehme ich die Zügel an und reite auf den Hufschlag, konzentriere mich eine Weile nur auf mein Pferd, atme tief durch, spüre in mich und in Ella hinein. Um zu testen, ob sie so ist, wie alle Schulpferde, die ich auf solchen Ausritten bisher kennenlernen durfte, und einfach dem Erstbesten hinterherläuft, reite ich auf den Zirkel. Ein kurzes Zögern, ein Nachfragen, doch dann wendet Ella folgsam ab. Versuchsweise treibe ich sie etwas an, in schnellen Schritt, verlangsame wieder, bis sie fast stehen bleibt, um mich auf ihre Schrittlänge und das Tempo einzustellen.


Foto: Privat

So gut es auf dem immer voller werdenden Platz geht, reite ich simple Hufschlagfiguren und merke, wie ich ruhiger werde. Dann stelle ich mich mit Ella in die Mitte und schaue den anderen zu, den Anfängern, die mit viel zu langen Zügeln mehr Beifahrer sind, als aktiv reiten und hilflos in einer Ecke enden, weil dem Pferd das Gras besser gefällt. Ich kann nicht an mich halten, und versuche, zu helfen. Dann ruft Rachels Kollegin, dass wir uns hintereinander einreihen sollen und wir schlängeln uns durch das Nadelöhr “Reitplatztor”. Ich finde mich ganz vorne wieder und folge der Reiterin vor mir auf dem Isabell, der mir vorhin schon aufgefallen ist. Es geht an der Strasse entlang und über ein Lavafeld. Wo unsere Pferde zuhause vorsichtig einen Huf vor den anderen setzen würden, gehen die Isländer hier ohne Nachzudenken über das, was einmal glühend rot und heiß war, ohne auch nur einmal zu stolpern. Dann kommt ein breiter Fluss. Wieder bin ich darauf vorbereitet, dass die Pferde zur Seite ausbrechen, stehen bleiben, schnauben. Wieder passiert nichts. Im Gegenteil. Ella fängt vor Freude fast an zu traben. Offensichtlich scheint sie Wasser zu lieben. Da ich befürchte, sie könnte sich samt Sattel und mir hinlegen wollen, treibe ich sie noch etwas an und bin bald auf der anderen Seite. Die Landschaft um uns herum ist unwirklich und so anders, als jede Umgebung, in der ich bisher reiten war. Wunderschön und wild. Irgendwie klar. Rechts liegt der Flusslauf, links sind am Horizont Berge zu sehen. Wind kommt auf, und die Mückenschwärme, durch die wir seit dem Verlassen des Hofes immer wieder durch mussten, verschwinden. Ich nehme mir vor, mich nie wieder über viele Mücken zu beschweren, wenn ich wieder zuhause bin. Diese Schwärme hier toppen alles. Dann kommen wir an eine weitere Strasse und biegen links ab, in Richtung der Berge. Rachels Kollegin, die an der Spitze reitet, hebt die Hand und wir parieren durch. Dann reitet sie an der langen Reihe an Reitern vorbei und beginnt, den Tölt zu erklären, doch der Wind reißt ihr die Worte von den Lippen, sodass sie sie für uns Vordere wiederholt. “Die Zügel annehmen, dass du Kontakt hast, aufrichten, dann leicht nach hinten lehnen.” Ich tue, was sie sagt und als von vorne der Ruf “Speed up!” kommt, fasse ich die Zügel noch etwas kürzer, lehne mich noch etwas mehr zurück - und reite zum ersten Mal in meinem Leben Tölt. Es sprudelt unter meinem Hintern, als säße ich auf einer Sprudelflasche, ein angenehmes, weiches Gefühl, das keinerlei Erschütterung in meine Wirbelsäule weitergibt, wie es der Trab manchmal tut. Kein Stoßen, kein Werfen. Und trotzdem fließt die Bewegung durch mein Becken bis in meine Haarspitzen. “Wahnsinn!!” rutscht es mir raus. Plötzlich ist Rachel neben mir, sieht mich fragend an. “Alles okay?” Ich bin unfähig, zu antworten, und so grinse ich nur. 15 Sekunden Seligkeit. “Das ist unglaublich!!” rufe ich, und sie nickt, lässt sich grinsend wieder zurückfallen. Ella und ich schließen die Lücke, die zwischen uns Vorderen und den Hinteren entstanden ist. Kurz durchfährt mich die Angst, Ella könnte plötzlich losschiessen und unkontrolliert davonstürmen, so, wie ich es auf meinem letzten, schnelleren Ausritt erlebt habe. Doch es passiert - Nichts. Wir parieren zum Schritt durch und nach einem Tor teilt sich die Gruppe auf, in die “Alten”, die, die entweder Islandpferde-Erfahrung haben oder Fortgeschritten sind und schneller tölten wollen, und die “Neuen”; Anfänger, Wiedereinsteiger und solche, die es lieber gemütlich mögen. Wieder reihe ich mich bei den “Neuen” ein und finde mich in der Mitte wieder, hinter den zwei Jungs, die noch nie auf einem Pferd sassen. “Speed Up!” kommt es von vorne und wir tölten wieder. Diesmal fühlt es sich allerdings eher nach Trab an, doch ein Blick auf meine Hände sagt mir, dass es Tölt sein muss, was ich spüre, denn sie fallen rhythmisch nach links und rechts, statt nach oben und unten. Vermutlich läuft Ella nicht taktklar, denn nach ein paar Schritten wird es wieder angenehm sprudelnd, nur um mich dann wieder durch zu rütteln. Ich überhole die beiden Jungs, die sich mehr festhalten, als reiten, denke auch hier wieder, Ella könnte losschiessen, denn vor uns ist niemand. Doch sie tut es nicht, auch wenn ich spüre, dass sie durchaus noch schneller könnte. Also lasse ich die Zügel einen Millimeter länger und setzte mich knapp an die Spitze hinter Rachel. “Alles in Ordnung?” fragt sie, nachdem wir wieder zum Schritt durchpariert haben. “Ja, ich glaube nur nicht, dass Ella töltet. Es fühlt sich irgendwie wie Trab an.” “Ich schau gleich mal, wir tölten gleich wieder an.” Gesagt, getan. Wir tölten, und Rachel bleibt neben mir. “Doch, sie töltet, aber sie aktiviert die Vorderbeine nicht richtig. Nimm die Zügel noch kürzer und lehn‘ dich noch weiter zurück.” Ich versuche es, lehne mich so weit zurück, wie ich kann und nehme die Zügel sanft auf, spiele damit. Ella antwortet, indem sie den Kopf hochnimmt, sich noch mehr aufrichtet und sich dann wie ein kleiner Drache in den Wind wirft, der wieder aufgekommen ist. In meinen Armen spüre ich plötzlich die immense Kraft, die in diesem kleinen, nordischen Pferd steckt, was nichts anderes kennt, als diese schöne, wilde Landschaft. Ella‘s Hufe knattern in einem taktklaren Tacktacktack über den Schotter, in einem Tempo, das mir fast schwindelig wird. Ich verschwinde beinah in ihrer schokoladenfarbenen Mähne, die S-förmig über meine Arme fliesst. Aber seltsamerweise habe ich dabei keine Angst. Im Gegenteil, ich fühle mich wie an Ella festgewachsen. Denn es ist eine Schnelligkeit, die kontrollierbar ist. Nicht unberechenbar. Zudem ist mein Gehirn immer noch so damit beschäftigt, diese unbekannte Gangart zu verstehen, dass ich gar keine Zeit habe, Angst zu haben, denn es scheint, als hätte ich alles vergessen, was ich je über das Reiten gelernt habe. All das Wissen über Handarbeit, Schulterherein, Vorhandwendungen, Übertreten - alles vom nordischen Wind weg geweht.

“Genau, Zügel noch ein bisschen aufnehmen”, ruft Rachel mir zu, “Ja, jetzt hast dus! Sehr gut!” Und so komme ich quasi zu einer kleinen Privatreitstunde, während wir so durch die Landschaft tölten, und bekomme erklärt, wie ich einen Isländer in den Tölt bringe, das Tempo variiere, und den Tölt auch halten kann. Als wir das nächste Mal halten, erklärt Rachels Kollegin, dass sich in, unter oder neben einem Haufen Lavafelsen rechts neben uns ein Wohnort von Elfen befindet. “Wenn die Pferde scheuen, sind das meistens Elfen", sagt sie todernst. “Zumindest glaubt das ein Großteil der Isländer. Hier gibt es auch eine Elfenbeauftragte, die im Auftrag der Regierung mit den Elfen verhandelt, wenn zum Beispiel Häuser gebaut werden sollen”, fährt sie fort und lächelt, als wir sie etwas ungläubig anschauen. Ich habe schon darüber gelesen, dachte bisher immer, dass sei ein Witz, aber anscheinend nicht. Wir reiten weiter und tölten wieder an, diesmal geht es auch um eine Kurve und wieder am Fluss entlang, den wir am Anfang durchquert haben. Da Ella der vielen Mücken wegen immer wieder mit dem Kopf geschlagen hat, hat sich an meiner linken Hand eine kleine Blase gebildet, durch die Zügelreibung. Also wechsle ich die Zügel einfach in eine Hand. “Was einhändig schon erledigt werden kann, sollte nicht länger zweihändig getan werden”, wie Christin Krischke sagen würde. Auch das macht keinerlei Probleme, auch nicht bei dem Tempo, das wir an den Tag legen. Dunkle Regenwolken ziehen auf und am Horizont fängt es an zu regnen, doch über uns scheint blass die Sonne vom wolkenverhangenen Himmel. Das Licht um uns herum verändert sich und taucht alles in goldene Felder. Ich verstehe plötzlich, was alle gemeint haben, wenn sie sagten, Island hätte eine ganz eigene Magie. So kitschig das klingen mag, bei dieser schönen Landschaft, den Menschen, Pferden und dem kraftvollen Wetter, das man nie wirklich vorhersagen kann, ist es wirklich so. Ich bekomme eine Gänsehaut am ganzen Körper, als wir zurück zum Hof tölten. Dann heisst es Absitzen, Pferd anbinden und absatteln. Ich lobe Ella noch einmal ausgiebig, ziehe ihr den Sattel vom Rücken und massiere sie noch ein bisschen. So, wie ich es immer nach dem Reiten mache. Als Dankeschön. Verstaubt, aber mit einem riesigen Grinsen im Gesicht gebe ich meinen Helm zurück, ziehe die Regenhose aus und bekomme im anliegenden Hotel, das zum Hof gehört, noch ein warmes Mittagessen, bevor es mit dem Minibus wieder zurück nach Reykjavik geht. Wehmütig und ein kleines Bisschen traurig komme ich wieder in der Hauptstadt an und versuche dann, meinem Reisepartner zu erklären, was man nicht erklären kann. Dazu muss man selbst in Island ein Islandpferd geritten haben. Denn sie sind so gar keine “Zottelponies, auf denen man gar nicht richtig reiten kann”, wie sie manchmal verschrien werden. Und wie man auf ihnen reiten kann! Es ist einfach nur anders. Und ich kann es jedem Reiter und Nicht-Reiter nur empfehlen: Wenn du die Möglichkeit hast und in Island bist: Mach es! Es lohnt sich! Auch Eldhestar kann ich nur empfehlen: von Anfang bis Ende habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt!


 

Über die Autorin:


Sarah studiert Anglistik und Archäologie an der Universität Freiburg, in Süddeutschland.

Sie ist durch und durch ein „Pferdemädchen“ und würde am Liebsten den ganzen Tag im Stall verbringen. Sie konnte bereits einige Erfahrung in verschiedenen Reitweisen sammeln, blieb dann jedoch bei der Iberisch-Barocken Reitweise hängen. Als ehemalige Physiotherapie-Auszubildende ist sie außerdem der Überzeugung, dass nicht nur das Pferd gesund-erhaltend bewegt werden sollte, sondern auch der Reiter selbst. Wenn sie nicht gerade im Stall ist, dann liest sie alles, was sie über Pferde finden kann.



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