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  • Sarah Blum

Sternritt Schwarzwald, Mai 2022

Aktualisiert: 1. Sept. 2023

Mein erster Wanderritt

Text: Sarah BLum


Ich komme mir ein bisschen vor, wie Bilbo Beutlin aus Tolkien´s “Der kleine Hobbit”, als ich im Zug nach Schluchsee sitze. Wie Bilbo bin ich auf dem Weg in mein eigenes kleines Abenteuer; es geht in den Schwarzwald. Für 3 Tage werden wir von unserem Hotel aus Wald und Wiesen erkunden und von morgens bis abends zu Pferd unterwegs sein. Meistens jedenfalls. Ein Bisschen nervös bin ich schon, schließlich ist es mein erster Wanderritt. Aber es ist eine freudige Nervosität, denn damit geht ein kleiner Traum in Erfüllung. Unsere kleine Gruppe besteht insgesamt aus 4 Reitern und 4 Pferden. Außer mir sind da noch Julia, unsere Rittführerin, Stephan, ihr Mann und Kartenleser, sowie Claudia, die Nachbarin der Beiden. Vervollständigt werden wir von Ally, Elegido, Rubin und Diamant, allesamt Pferderassen aus den unterschiedlichsten Ecken Europas; Deutschland, Spanien, Frankreich und Island. Damit ist die Gruppe gut durchmischt; Während Julia und Stephan alte Hasen sind, sind Claudia und ich (ziemliche) Grünschnäbel, was Wanderritte angeht. Ein paar Gedanken mache ich mir also schon, auch wenn Julia mir mit ihrem Spanier Elegido, liebevoll Earl genannt, ein absolutes Verlasspferd zur Verfügung gestellt hat. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich sowieso ein Hasenfuß bin, und tendenziell zu viel nachdenke. Aber es wird schon irgendwie gehen. “Wirf dein Herz voraus, und lass dein Pferd den Rest machen”, wie es unter Springreitern so schön heisst.

Tag 1: Der erste Tag, der gleichzeitig Anreisetag ist, beginnt mit strahlend schönem, aber leicht windigem Wetter. Trotz etwaigen Anreiseschwierigkeiten kommen wir gegen Mittag gut von unserer Herberge los, nachdem wir sowohl uns als auch die Pferde Abmarschbereit gemacht haben. Es geht an Feldern und Wäldern vorbei in Richtung Schluchsee. Soweit so gut, so schön. Die Sonne lacht vom Himmel und auch unter uns herrscht gute Laune. Da Earl eher gemütlich unterwegs ist, kann ich mich wortwörtlich entspannt zurücklehnen und die Zügel baumeln lassen. Immer wieder begegnen uns Wanderer und Spaziergänger, doch nach einer Weile sind nur noch wir unterwegs. Der Boden wird immer weicher und federnder, während wir einem Weg folgen, der auf und ab ins Tal Richtung Schluchsee führt. Und irgendwann biegen wir, links ab. Mein Magen zieht sich nervös zusammen, als Stephan an einem Weg stehen bleibt, der beinah komplett von Gestrüpp, Ästen und grösseren Steinen übersät ist. Kurz frage ich mich, ob das sein Ernst ist und er dort wirklich hinunter will. Mit Pferden.

Es ist sein Ernst, denn er beginnt zielstrebig den Abstieg, seine Stute Ally im Schlepptau. Mein Herz beginnt zu rasen, aber ich folge ihm. Nach kurzer Zeit drehen wir jedoch um, da der Weg schon völlig zugewuchert ist. “Das war die Feuertaufe” grinse ich, aber als wir wenig später auf einer plateau-artigen Wiese eine Fresspause für die Pferde einlegen, muss ich doch etwas tiefer durchatmen; ich bin geschafft, aber stolz, diese erste kleine Hürde gemeistert zu haben. Während ich einen Schluck aus meiner Trinkflasche nehme, betrachte ich die Wiese, die schräg an einem Hang liegt, und den Ausblick direkt ins Tal unter uns. Das Gras und die Bäume sind so grün, dass es fast gephotoshopped scheint, und der Wald weist unglaublich viele Schattierungen von Grün auf: dunkelgrün, olivgrün, hellgrün. Ich kann die Pferde verstehen, die sich hungrig auf das Gras stürzen: Würde mein Essen auch so lecker aussehen, könnte ich auch nicht mehr an mich halten. Als wir weiterziehen, kann ich mich wieder voll entspannen, steige aber an mir unsicher scheinenden Wegen ab und lasse Earl, auf Julias Rat hin, vorne weg laufen, orientiere mich an ihm. Gemeinsam steigen wir über Baumstämme und Äste, die Stephan uns, je nach Grösse, niederdrückt, und folgen einem märchenhaften Pfad mitten durch den Wald. Ich fühle mich ein bisschen, wie vor 200 Jahren, als es noch keine Autos gab, und die Menschen nur zu Fuss oder zu Pferd unterwegs waren….

Je länger wir unterwegs sind, desto besser funktioniert es mit Earl und mir. Er ist eines der geduldigsten Pferde, die ich bisher kennenlernen durfte, und stört sich an nichts.

Als wir abends zuhause ankommen, sitzen wir noch eine Weile auf einer mitgebrachten Decke bei den Pferden. Ich habe aus Freiburg den besten Käsekuchen der Welt mitgebracht, und eine kleine Flasche Sekt. Beides geniessen wir in vollen Zügen, bevor es auch für uns unter die Dusche und zum Abendessen geht. Was, nebenbei gesagt, wunderbar war. :))

Der erste Tag war ein voller Erfolg und ich bin sehr stolz auf mich. Und auf Earl, der eine solche Geduld mit mir hat.


Tag 2:

Der zweite Tag beginnt, zumindest für mich, mit ordentlich Muskelkater. Das zünftige Frühstück hilft aber über meine wehen Beine hinweg. Ebenso wie der Kaffee. Nach einer kurzen Routen Besprechung machen wir die Pferde fertig. Nach dem gestrigen Sprung ins kalte Wasser bin ich etwas nervös, ob wir heute erneut eine Klettertour mitnehmen. Aber der Weg stellt sich nicht nur als relativ gerade heraus, sondern auch als wunderschön. Es geht erst an Feldern und Wiesen vorbei, wo wir eine kurze Trinkpause einlegen. Schmetterlinge setzen sich immer mal wieder auf Blumen und sogar unsere Sättel.

Danach ziehen wir weiter in Richtung Mettmer Stausee, durch eine kleine Waldstrecke, wo uns ab und an Wanderer begegnen. Bald sind wir aber wieder komplett allein, nur begleitet von zwitschernden Vögeln und dem Rauschen der Blätter im Wind. Auch das Wetter spielt mit, und nach einer Weile kommen wir am Stausee an, folgen dem Fluss. Ein kleiner Wasserfall schießt bogenförmig Wasser in den Stausee, und während alle anderen Pferde etwas skeptisch daran vorbeigehen, bleibt Earl total cool und macht seinem Spitznamen damit alle Ehre; Das Höchstmaß an Reaktion, zu was sich “Sir Earligkeit” vielleicht hinreissen lassen könnte ist: er dreht vielleicht mal halbherzig ein Ohr in Richtung Rauschen, um ansonsten komplett ruhig zu bleiben. Mehr scheint beinah unter seiner Würde. Cool as a cucumber, eben, und ich mag ihn noch ein bisschen mehr.

Fast könnte man meinen, sich in einem Märchenwald oder einer Filmkulisse zu befinden, so zugewachsen und verwunschen sieht alles stellenweise aus. Rechts eine steile Felswand, links der See, der in einen Bach mündet. Auch eine Kapelle passieren wir, mitten im Wald. Mittagspause machen wir hinter einem neugebauten Schwarzwaldhaus, mitten im Nirgendwo in einer Talsenke. Um das Haus herum stapeln sich Baumaterialien, offensichtlich muss hier noch Einiges getan werden. Da wir nirgends an den Fluss kommen, um die Pferde zu tränken, laufen Julia und ich um das Haus herum und klingeln. Vielleicht haben die Bewohner ja einen Eimer, den wir uns kurz leihen dürfen. Es öffnet uns ein Herr mit Hund an der Leine, der uns etwas verdattert ansieht, als könne er nicht glauben, was er da sieht. Wir sehen ihn ebenso überrascht an, wie er uns, denn damit haben wir am Wenigsten gerechnet; dass uns Jemand, am Wochenende, auf einer Baustelle die Tür aufmacht. Und offensichtlich auf dieser Baustelle wohnt. Nach kurzer Erklärung was wir von ihm wollen, verschwindet er und kommt nach wenigen Minuten mit einer gefüllten Plastikflasche voll Wasser wieder. Ich frage mich, was einen Menschen dazu treibt, mitten in den Wald zu ziehen, meilenweit entfernt von Allem. Während wir die Pferde tränken, essen auch wir etwas, bevor wir langsam wieder in Richtung Hotel reiten. Auf dem Weg kommen wir an einer kleinen Grillhütte vorbei, die idyllisch am Fluss liegt, komplett mit Grillplatz und Brunnen, wo wir erneut eine kleine Fresspause für die Pferde einlegen. Wir lassen sie kurz grasen und teilen uns eine Tüte Chips, bevor es weitergeht. Die gesamte Strecke über traben wir immer mal wieder, und obwohl ich ziemlich aus der Puste komme, genieße ich es immer mehr. Earl ebenso, der, trotz seines hohen Alters, quietschfidel unterwegs ist.


Tag 3:

Der dritte, und letzte, Tag beginnt mit grauen Wolken und kaltem Wetter. Wir packen uns also alle so warm ein, wie es geht und ziehen Regenjacken über. Es scheint noch zu halten, als wir losreiten, diesmal ist ein Teil des Rappensteigs der Weg der Wahl. Einzelne Regentropfen fallen auf den trockenen Boden. Der Weg führt uns an einem Wildgehege mit Rehen vorbei und zwischendurch schaut sogar die Sonne raus. Doch die Regentropfen überwiegen, vereinzelt. Auch auf dem Heimweg.

“Solange es nur ein Bisschen tröpfelt, passt ja alles!” meine ich gut gelaunt, werde jedoch bereits wenige Minuten später vom Gegenteil überzeugt, denn kaum habe ich diese Worte geäußert, geht ein eiskalter Platzregen los, der Alles und Jeden innerhalb weniger Minuten komplett durchnässt. Auf den Regen folgen Hagelkörnchen und es wird auf einmal winterkalt. Ich weiss nicht warum, vielleicht, weil es so absurd ist, vielleicht aus Unglauben, aber aus irgendeinem Grund breche ich plötzlich in schallendes Gelächter aus und kann gar nicht mehr damit aufhören. Erst nach 5 Minuten habe ich mich wieder so weit im Griff, dass ich tief durchatmen und in den Regen blinzeln kann. Doch als es nach einer gefühlten Stunde immer noch nicht aufgehört hat, vergeht mir das Lachen. Mein Oberkörper ist, dank Regenjacke, trocken, doch ab der Hüfte abwärts bin ich bis auf die Unterwäsche nass. Wir entscheiden uns, die Heim Strecke abzukürzen, mal im Schritt, die meiste Zeit aber im Trab, damit uns wärmer wird. Und schneller zuhause sind wir auch.

Zwischendrin steigen wir immer wieder ab, was dazu führt, dass ich merke, wie nass ich eigentlich bin. Es schaudert mich, als ich die an meinen Beinen klebende Reithose bemerke und ich fange unwillkürlich an zu zittern. Nur mit Mühe kann ich verhindern, dass meine Zähne aufeinanderschlagen. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen, denn von hinten sind diverse Unmutslaute (“Iiih!”, “Uuuääh!”) zu vernehmen. Sogar meine Schuhe sind nass und somit nicht wasserdicht, denn sie quietschen bei jedem Schritt und es quillt Wasser aus dem Material.

Wir erreichen durchnässt aber gut gelaunt unseren Hof. Wir versorgen die Pferde und ziehen uns dann in der zur Sattelkammer umfunktionierten Garage trockene Kleider an. Dann sitzen wir auf Gartenstühlen beisammen und grinsen uns an, jeder in mehr oder weniger trockene Sachen gehüllt. Leider sind unsere Sandwiches etwas feucht geworden, aber wir haben einen solchen Hunger, dass uns das egal ist. Danach machen wir uns ans Aufräumen; Garage von Heu befreien, Sättel und Zaumzeug im Hänger verstauen, Heunetze füllen.

Jetzt kommt auch wieder die Sonne hervor. Die Pferde sind parat verladen zu werden.

Danach geht es für mich nach Schluchsee zum Bahnhof. Die Zeit der Abreise ist gekommen. 30 Minuten später sitze ich im Zug zurück nach Freiburg. Als der Zug in den Hauptbahnhof einfährt, überfällt mich auf einmal eine immense Müdigkeit, und ich merke, wie anstrengend die letzten 3 Tage eigentlich waren. Aber eben auch wunderschön. Weil die Gruppe gepasst hat, weil die Pferde harmoniert haben, weil jeder auf den anderen Rücksicht genommen hat und wir als Team zusammengearbeitet haben.

Zuhause angekommen werfe ich erstmal alle Kleider der letzten 3 Tage in die Waschmaschine, dusche und klopfe meine Wanderschuhe am Fenster von Stroh und nassem Gras frei. Als ich sie umdrehe, stelle ich ungläubig fest, dass sich die gesamte Sohle abgelöst hat und das Innenleben sichtbar wird. Beinah muss ich wieder lachen. Aber nach insgesamt knapp 40km mit vielen Höhenmetern und 4-8h im Sattel wundert mich das nicht, schließlich hatte ich vorher nicht viel Verwendung dafür. Auch meine Reithandschuhe musste ich wegwerfen, da das Leder sich aufgelöst hat, durch die Reibung. Ich schicke meiner Familie ein Foto von den Schuhen und schreibe dazu: “Ähm.. ich glaube, für Island brauche ich neue Wanderschuhe”. Und auch wenn ich mittlerweile ein neues Paar wasserdichter (!!!) Wanderschuhe im Schrank stehen habe, habe ich die alten trotzdem behalten. Als Andenken. :)



 

Über die Autorin:


Sarah studiert Anglistik und Archäologie an der Universität Freiburg, in Süddeutschland. Ihre Leidenschaft sind Schreiben und Fotografieren. Sarah schreibt regelmässig Blogeinträge für EquiVoyager.

Sie ist durch und durch ein „Pferdemädchen“ und würde am Liebsten den ganzen Tag im Stall verbringen. Sie konnte bereits einige Erfahrung in verschiedenen Reitweisen sammeln, blieb dann jedoch bei der Iberisch-Barocken Reitweise hängen. Als ehemalige Physiotherapie-Auszubildende ist sie außerdem der Überzeugung, dass nicht nur das Pferd gesund-erhaltend bewegt werden sollte, sondern auch der Reiter selbst. Wenn sie nicht gerade im Stall ist, dann liest sie alles, was sie über Pferde finden kann.










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